Wie man sich selbst treu bleibt und so glücklich wird: Ein renommierter Psychotherapeut gibt Tipps für das neue Jahr
Leitet uns besser der Verstand oder unsere Gefühle? Interview mit Alfried Längle, dem Mitbegründer der Logotherapie und Existenzanalyse.
Lesedauer: 9 Minuten
Der Psychotherapeut, Allgemeinmediziner und klinische Psychologe Alfried Längle ist Begründer der psychotherapeutischen Ausbildung Existenzanalyse und Logotherapie. Mit Professuren in Wien, Klagenfurt, St. Gallen und Moskau zählt er international zu den maßgeblichen Psychotherapeuten. Mehr als 50.000 geführte Therapiestunden: Kaum jemand auf unserem Planeten weiß besser über die Psyche des Menschen Bescheid. Ein Gespräch über Glück und Sinn, Krieg, Frieden, Machtstreben und darüber, wie wir das Leben gut meistern können.
Herr Längle, was bedeutet Glück für Sie ganz persönlich?
Ich schaue eigentlich kaum auf Glück oder darauf, ob ich glücklich bin, sage vielleicht manchmal: „Wie schön!“ Ich schau auf das, was geschieht, das Schöne, das Wertvolle – und nebenbei fühle ich mich glücklich. Meist achte ich darauf, dass ich in einer guten Beziehung mit mir selber bin. Dann geht’s mir gut, dann bin ich präsent. Selbst wenn es vielleicht gerade nicht so gut läuft, leidvoll oder traurig ist. Solange ich eine gute Beziehung zu mir habe, mich nicht von mir abwende, lebe ich mich und mein Leben. Das macht mein Leben rund und voll.
Was meinen Sie mit „mich von mir abwenden“?
Wenn ich die Kontrolle verliere, wenn ich in Rage komme und Dinge sage, die ich gar nicht so meine. Oder wenn ich auf ein Bier mitgehe, obwohl ich das eigentlich nicht möchte. Das ist vielleicht gut für die Beziehung oder die Karriere, aber ich bin mir dann nicht nahe, nicht in Beziehung zu mir selbst.
Was uns wahrscheinlich allen hin und wieder passiert. Was sollte man tun, wenn man erkennt, dass man falsch abgebogen ist?
Ich gehe in den inneren Dialog mit mir, achte dabei besonders auf meine Gefühle und frage mich, was sie mir sagen wollen.Alfried Längle
Es geht um Achtsamkeit für sein Fühlen. Dann spürt man schnell die Unzufriedenheit oder die Leere. Wenn ich vielleicht zu lange vor dem Fernseher gehockt bin und das Gefühl habe, dass die letzten Stunden eigentlich für nichts waren. Dann habe ich nicht wirklich gelebt, dann bin ich falsch abgebogen und bin unzufrieden. Und spüre, dass es schade ist. Aber wenn ich mit mir in Kontakt bin, dann kann ich mir eingestehen, dass ich auch manchmal schwach bin oder gehofft habe, dass es noch interessant wird … und mit diesem Verständnis bleibe ich mit mir im Kontakt und kann mir verzeihen.
Sollte man also mit sich selbst reden wie mit einem guten Freund?
Ja, genau, ich gehe in den inneren Dialog mit mir, achte dabei besonders auf meine Gefühle und frage mich, was sie mir sagen wollen.
Achtet man in unserer Gesellschaft zu wenig auf die Gefühlswelt?
Gefühle werden in unserem Kulturkreis abgewertet und gern als unnötige, lästige Begleiterscheinungen im grellen Licht der Vernunft abgetan. Dabei sind sie existenzielle Wahrnehmungen, die uns die Dinge in ihrer Bedeutung für unser Leben aufzeigen. Der Verstand ist keineswegs immer der Gescheitere. Manchmal enthalten Gefühle die größere Weisheit ...
Aber die Vernunft nimmt doch für unser Zusammenleben eine tragende Rolle ein, kultiviert uns und schützt uns davor, allzu schnell die Beherrschung zu verlieren und ins Animalische abzudriften.
Vernunft und Verstand sind wichtig, aber sie gehören erweitert, manchmal auch korrigiert durch die Gefühle. Sogar die „blinden“ Affekte, wie Angst und Zorn, sagen mir etwas: dass ich vital bedrängt bin. Man sollte sich in solchen Situationen fragen: Was ist es genau, das in mir gerade bedroht ist?
Können Sie das anhand eines konkreten Beispiels näher erklären?
In der Therapie hatte ich einmal eine Studentin mit Panikattacken. Sie stand im letzten Jahr des Jurastudiums, hatte bis dahin alles in Rekordzeit erledigt. Aufgrund der Panikattacken konnte sie plötzlich nicht mehr lernen. Die Therapie zeigte, dass ihr Vater wollte, dass sie Jus studiert, damit sie später finanziell abgesichert ist. Sie gehorchte, und nun rebellierte alles gegen diesen Weg. Es wäre vernünftig, das Studium abzuschließen, aber sie spürte und erkannte, dass ihr das nicht entsprach. Sie ließ das Studium, und die Panikattacken verschwanden, die ihr gezeigt hatten, dass sie nicht ihren Weg ging. Sie waren also das „Gesündeste“, was ihr passieren konnte. Sie hatte sich von der Vernunft versklaven lassen.
Gibt es also so etwas wie den Schlüssel zum Glück?
Meinem Verständnis nach schon. Wir sollten darauf schauen, primär das zu tun, wofür wir eine innere Zustimmung haben. Wo wir ein inneres „Ja“ spüren, dann wird es wesentlich im Leben.
„Und dann braucht es vielleicht eine Psychotherapie oder ein Unglück, das den Horizont erweitert.“
Und wie erkenne ich, ob dieses „innere Ja“ tatsächlich aus mir strömt und nicht von außen in mich hineingepflanzt wurde, durch Erziehung, Erwartungen?
Wir spüren, ob es so stimmig ist für uns, passt, wir damit einverstanden sind. Wenn ich mich irre, hilft das Leben, es macht unzufrieden, leer, aggressiv. Auch die Partnerschaft kann in eine ehrliche Auseinandersetzung mit sich und der Welt führen. Denn wenn man zusammenlebt, kriegt der andere hautnah Wahrheiten über mich mit. Und wo es nicht stimmt, kommt es zu Reibereien. Aber unser Blick kann trotzdem getrübt bleiben. Und dann braucht es vielleicht eine Psychotherapie oder ein Unglück, das den Horizont erweitert.
Was kann Therapie, das nicht auch gute Freunde und ein gesundes Umfeld könnten?
Psychotherapie kann als professionelle Verlängerung von Verständnis und Unterstützung durch Partner und Freunde verstanden werden. Denn im Blick des anderen, wie er mir im Dialog entgegentritt, kann ich mich verorten und besser verstehen. In der Psychotherapie kommen das spezielle Wissen und der gekonnte Umgang mit schwierigen Situationen dazu, was über das normale zwischenmenschliche Gespräch hinausgeht.
In sogenannten Entwicklungsländern, bei Menschen, die ein sehr einfaches Leben führen, begegne ich immer wieder Menschen, die auf meine Fragen nach Sinn und Glück und Freizeit nur antworten, sie hätten über all das noch nie nachgedacht. Bräuchte so ein Mensch eine Therapie?
Nein, wozu? Sie haben kein Problem. Sie sagen uns damit: Relativiert die Rolle des Bewusstseins! Wir vergöttern es. Wir treffen gern „bewusste“ Entscheidungen. Aber wichtiger ist, dass es eine gefühlt-stimmige Entscheidung ist. Bewusstsein heißt lediglich, dass ich weiß, was ich tue. Aber es ist wichtiger, dass ich fühle, was ich tue, und es erlebe. Ich muss nicht „wissen“, dass ich glücklich bin, um glücklich zu sein.
Und könnte ich rein theoretisch solchen Menschen durch das Fokussieren auf Sinn und Glück auch schaden?
Eine spannende Frage. Viktor Frankl hatte einen Wiener Philharmoniker in Therapie, der auf einmal nicht mehr spielen konnte. Warum? Weil er versucht hat, bewusst möglichst gut zu spielen, statt sich der Musik hinzugeben und es fließen zu lassen. So beobachtete er sich ehrgeizig-kritisch und kam in eine Zwangsneurose. Aber es geht darum, das Leben in der Hingabe fließen zu lassen. „Lass dich sein und lass es kommen“, ist das nicht eine natürliche offene Haltung?
Das klingt fernöstlich und mystisch, ein wenig auch nach Meditation.
Ja, unser Zugang enthält tatsächlich Elemente, die auch in anderen Kulturen verbreitet sind. Ich habe eine Zeit in Nordamerika unterrichtet. Die Native Americans meinten, was du da bringst, ist das, was wir in unseren Langhäusern lehren. Ähnliche Reaktionen erlebte ich in Südamerika.
Ist die Kritik an der Psychotherapie, dass sie lediglich eine westliche Sichtweise transportiere, unberechtigt?
Zu viel westliche Sichtweise?
Ich kann hier nicht für alle Psychotherapierichtungen sprechen. Ich glaube aber tatsächlich, dass unser Zugang zum Menschen in der Existenzanalyse da ansetzt, bevor es zur Aufspaltung in die Kulturen kommt. Bildlich gesprochen wie am Baumstamm, bevor er sich in die Äste verschiedener Kulturen verzweigt. Mit sich selbst im Dialog zu sein, oder zu spüren, was in einem schwingt, ist ein reiner Zugang zum Menschsein, und kaum kulturunabhängig.
Studien sagen, dass Menschen mit Sinn im Leben eher glücklich und zufrieden und daher tendenziell solidarisch und empathisch sind. Wie können dann Menschen wie Putin oder Trump, die für sich wohl einen Sinn spüren, der über ihr eigenes Ego hinausgeht, mit ihren Aktionen die Welt in Atem halten?
Na ja, man kann sich seiner selbst nie ganz sicher sein. Mag sein, dass die Herren tatsächlich glauben, dass ihr Tun sinnvoll ist. Aber haben sie es wirklich überprüft oder handeln sie, um Anerkennung zu bekommen, wichtig zu sein usw.? Vielleicht erkennen sie am Sterbebett: „Mein Gott, was habe ich gemacht!“ Es ist furchtbar, so sterben zu müssen. Daher ist es so wichtig, das innere Schwingen wahrzunehmen.
Wenn jemand viel Anerkennung braucht und das Glück hat, diese ausreichend zu bekommen, hat er wohl ein relativ gutes Leben.Alfried Längle
Reicht nicht Anerkennung für viele als Ziel aus? Vielleicht blickt ein Donald Trump zufrieden auf sein Leben zurück?
Kann sein, dass es für den einen so stimmt. Wenn jemand viel Anerkennung braucht und das Glück hat, diese ausreichend zu bekommen, hat er wohl ein relativ gutes Leben. Auch Partnerschaften funktionieren manchmal so. Wenn einer gerne Anerkennung gibt und der andere sie braucht, sind vielleicht beide zufrieden.
Karl Popper meinte einmal, die Geschichte der Machtpolitik sei nichts anderes als die Geschichte der nationalen und internationalen Verbrechen und Massenmorde. Warum kommen derart oft fragwürdige Charaktere an die Macht?
So streng will ich nicht sein. Wir kennen alle auch einen Mahatma Gandhi als Gegenbeispiel. Aber dass ein Donald Trump gewählt werden konnte, hielt ich für unmöglich. Auch, dass die „Bild“-Zeitung die größte Zeitung Deutschlands ist. Da habe ich wohl eine falsche Sicht davon, was die Leute im Alltag bewegt, was sie sehen und brauchen.
Das sagen Sie als eine Person, die aufgrund ihrer Profession Menschen seit Jahrzehnten wohl unverstellter und echter nicht kennenlernen konnte?
Ich habe vielleicht eine zu gute Meinung vom Menschen, will aber, ehrlich gesagt, nicht darauf verzichten. Diese Haltung gibt doch ein bisschen Ansporn, im Menschen das potenziell Bessere zu sehen. Und vielleicht motiviert das manche auch, diesem Bild gerecht zu werden.
Aber sind Sie nie auf einen durch und durch bösen Menschen getroffen?
Selbstverständlich gibt es Verhaltensweisen, die uns böse erscheinen, und reaktives Verhalten, das wirklich böse ist. Oder Menschen, die nur ihre Bedürfnisse befriedigen wollen. Es wird vergewaltigt und gemordet. Wenn es einem aber gelingt, ein offenes, vorurteilsfreies Gespräch zu führen, in dem sich mein Gegenüber verstanden fühlt, kommt immer das Menschliche zum Vorschein. Das rechtfertigt nichts, aber einen vorsätzlich bösen Menschen habe ich noch nie getroffen, wenn ich mit ihm sprechen konnte.
Trotzdem herrschen keine paradiesischen Zustände auf unserem Planeten.
Ein Wladimir Putin meint sicherlich, er tut das Beste für sein Land, dessen Geschichte und für sich selbst, wenn er die Ukraine auslöscht. So wie Adolf Hitler gemeint hat, dass er mit der Vernichtung der Juden die Menschheit von einem Ungeziefer befreit, wie er in „Mein Kampf“ geschrieben hat. Aber das sind unendlich verzerrte Wahrnehmungen. Man müsste fragen – „Mein lieber Adolf, was hast du in Wien erlebt, als du von der Kunstakademie abgewiesen wurdest und ärmlich leben musstest? Wo hast du dich ausgenützt gefühlt, vielleicht Begegnungen gehabt mit Juden?“ Dazu die Rassenlehre dieser Zeit, so kommen die Dinge zusammen und führen zu solchen Entwicklungen. All das ist freilich keine Rechtfertigung für unmenschliche Taten.
Hoffnung auf Gerechtigkeit in unserer Welt können wir uns also abschminken?
Gerechtigkeit ist kein Thema der Welt, sie ist ein Thema der Menschen. Gerechtigkeit heißt seit dem römischen Recht, jedem das Seine zu geben oder zu lassen. Aber es ist nicht immer leicht, das zu schaffen. So leicht geschieht Unrecht.
Ich glaube schon, dass es eine größere Gerechtigkeit gibt. Man kann sie Gott nennen oder Nirwana oder glauben, dass sie sich in Karma ausdrückt.Alfried Längle
Und eine über den Menschen stehende Gerechtigkeit, glauben Sie an so etwas?
Das geht über Psychologie hinaus, das ist eine Glaubensfrage. Psychologie ist ein Handwerkszeug, um mit Ängsten, Problemen, Süchten usw. umgehen zu können, damit Menschen wieder in ein besseres Leben kommen. Ich glaube schon, dass es eine größere Gerechtigkeit gibt. Man kann sie Gott nennen oder Nirwana oder glauben, dass sie sich in Karma ausdrückt. Psychologisch ist Glaube eine Ahnung, ein Gefühl, die Überzeugung, dass da etwas Größeres ist, ein Erleben, das vielleicht nur Einbildung, für mich trotzdem Realität ist. Eine, die ich nicht verstehen und erfassen kann. Dafür gibt es Religionen, die solche Ahnung weiterführen und erklären.
Inwieweit verdrängen wir Ungerechtigkeit wie Armut in anderen Ländern, Flüchtlinge, um weiterhin gut leben zu können?
Das ist ein menschliches Dilemma. Das findet man auch im Kleinen. Man sieht etwa, wie schlimm die Nachbarin mit ihrem Kind umgeht, wie die Mindestpensionistin kaum genug zu essen hat, und tut nichts. Und ich sollte viel mehr Sport machen und weniger Bier trinken, aber auch da tue ich nichts – das ist dann der ganz kleine Horizont. Das durchzieht das gesamte Leben. Schon zu wissen, dass es viel Leid auf der Welt gibt, und Sensibilität dafür zu haben, hat einen Wert. Aber klar, ich sollte helfen, wo ich die Not sehe und wo meine Arme hinreichen.
Und warum schafft es die Menschheit nicht, ohne Krieg auszukommen?
Alles kämpft in der Natur – Pflanzen, Tiere, Menschen. Aber Krieg ist Spezialisierung auf Zerstörung, weil man sich existenziell bedroht fühlt oder etwa rücksichtslos ein Ziel erreichen will. Dazu sind alle Menschen in allen Kulturen fähig. Wo Krieg ist, gibt es kein Gespräch. Dieses beginnt bei sich selbst, beim Verständnis für sich. Bin ich mir fremd, dann bin ich eine Gefahr. Aber bin ich mit mir, kann ich dich nicht töten, weil es auch mich seelisch umbringen würde. Im offenen Gespräch liegt der Schlüssel gegen den Krieg, existenziell betrachtet.
Könnte uns da vielleicht die künstliche Intelligenz retten?
Man weiß nie, wie sich Neues auswirkt. Mit Feuer konnten Menschen kochen oder brandschatzen. Mit dem Buchdruck, fürchtete man, gehe das Abendland und seine mündliche Tradierung unter. Und so ist eben auch künstliche Intelligenz Potenzial und Gefahr gleichermaßen, nicht schwarz noch weiß; sie schillert vielfältig. Das Maß der Dinge sind wir selbst, nur unsere Entscheidungen können uns vor Krieg schützen.







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